Montag, 22. Juli 2013

Wie ich eigentlich wohne

57 University Road; Brookline, MA, 02445





Hallo zusammen,

die meisten von euch haben ja noch gar keinen Blick auf mein Zimmer werfen können. Mit den Bildern könnt ihr euch ungefähr einen Eindruck machen, sind so ziemlich 360°.
Das Zimmer selbst ist ca. 14qm groß, aber da die Decke nur ca. 2,35m hoch ist, wirkt es etwas kleiner. Besonders schön oder geschmackvoll ist es nicht eingerichtet, aber es ist alles da, was man braucht: Bett, Schreibtisch, Regal, Schreibtischstuhl und Kommode. In der Kommode sind ein paar Klamotten verstaut und im Regal hab ich auch ein paar trockene Lebensmittel, da der Platz in der Küche dafür etwas knapp ist. Ansonsten gibt es noch einen Wandschrank, gut für Rucksack, Jacke etc... man darin kann also nur etwas aufhängen, und da hab ich nicht so viel dabei (und ne Jacke braucht man hier gerade definitiv nicht!). Ausgelegt ist der Boden mit Teppich.
Ja, das Haus (siehe erstes Bild) liegt in einer Seitenstraße einer großen Hauptstraße, aber es ist relativ ruhig, wenn man vom steten Gebrumm der Ventilatoren und Klimaanlagen man absieht.
Wie so viele amerikanische (Einfamilien)Häuser ist es aus Holz gebaut. Das ist billig, geht schnell - und man kann es nach einem starken Wind auch fix wieder aufbauen. Da hier um Boston aber Tornados eigentlich nicht vorkommen, ist die Holzbauweise nicht ganz so tragisch. Was Isolation von außen nach innen und anders herum angebelangt, ist das schon wieder ne ganz andere Sache.
Naja, jedenfalls hat auch dieses Haus seine obligatorischen Türmchen und Erkerchen... eine glatte Hausfassade geht hier gar nicht! Immer muss irgendwo etwas vorstehen, zurückstehen, sich auswölben etc. Sehr verspielt das ganze. Und am besten es gibt noch Dekorleisten aus Schnitzereien... wie Stuck, nur natürlich nicht echt, sondern aus Holz.
Auch Steinhäuser, von denen es hier in Neu-England mehr gibt als anderswo in den Staaten, haben diese Erker (ob rund oder eckig). Steinhäuser findet man aber mehr an den Hauptstraßen und Richtung Innenstadt. In den Vorstädten und Eigenheim- und Reihenhaussiedlungen herrschen Häuser aus Holz vor. Es möge hier bitte nie einen Großbrand geben!

Mein Zimmer liegt im Keller. D.h. man muss erst ein paar Stufen vom Fußweg rauf zum Haus und kann dann ebenerdig durch den Fahrradschuppen in den Keller. Das Zimmer ist nah am Ausgang und mein Fenster geht auf die Terasse raus... die (zum Glück) eher nie als selten benutzt wird.
Im "Keller" gibt es dann noch ein weiteres Zimmer, außerdem die Waschküche und jede Menge Gerümpelkammern. Eine Treppe weiter rauf ist dann das "Erdgeschoss", von außen durch den Haupteingang über eine Veranda erreichbar. Dort wohnt die Gastmutter, Yulia. Eine weitere Treppe führt ins 1. Obergeschoss, dort sind Bad und Küche, sowie das Zimmer des einen Sohns Jack, und eine Art Wohnzimmer der Familie. Außerdem dient es als Arbeitszimmer für Josh, den 2. Sohn, der mit seiner Frau in einem Zimmer im 2. Obergeschoss wohnt. Im 2. OG wohnt außerdem der Gastvater mit seiner neuen Freundin wie es aussieht. Alles ein bisschen merkwürdig!
Außerdem gibt es im 2. OG noch ein Bad. Außer mir wohnen noch 4 andere Zwischenmieter hier.
Thome (Italiener), hat irgendwas mit Medizin/Gesundheitswesen studiert und schon gearbeitet, ist aber wohl kein richtiger Arzt und studiert hier jetzt noch Jura: mit ca. 40 einfach noch was neues machen. Thome wohnt im zweiten Kellerzimmer. Dann gibt es Edwin, den hab ich erst einmal gesehen, keine Ahnung, was der macht... nie da, nie in der Küche, redet nie mit niemandem. Wohnt im 1. OG. Dann gibt es Lisa, die im 2. OG wohnt und Biologin ist. Sie arbeitet im selben Klinik/Forschungsareal wie ich, aber an irgendeiner Klinik, und macht Mäuse tot. Also böse ;-).
Und Bei, aus China, wohnt auch im 2. OG, aber da fällt mir gerade nicht ein, was sie studiert. Ihre Eltern haben sie wohl auch China weggeschickt, weil die Umwelt dort so dreckig sei... sie war vorher schon in Kanada für ihren Bachelor.

Die Bäder im 1. und 2. OG sind zur freien Benutzung, und wenn ich ca 7 Uhr morgens ins Bad geh, gibt es eigentlich nie Probleme mit dem "Anstehen". Die Küche ist, wie das restliche Haus, gespickt mit Zetteln was man darf und was nicht und wie man was zu machen hat (Müll trennen, Licht aus, und welche Küchengeräte für den allgemeinen Gebrauch sind und welche nicht). Jeder der Zwischenmieter hat zwei Schubfächer für Lebensmittel etc und ein/anderthalb Kühlschrankfächer. Das ist leider nicht viel und das kleine Gefrierteil in meinem Kühlschrank macht zwar kalt und Butter hart, aber Eiscreme schmilzt trotzdem. Großartig für mehrere Tage vorkochen und einfrieren, wie ich es in Basel gemacht hab, geht deswegen halt nicht. Daher gibt es meist drei Tage hintereinander dasselbe. Ist zwar vielleicht etwas langweilig, aber jeden Tag 1-Personen-Portionen kochen ist mir auch zu doof. Wäsche waschen kann man für 3 $ (inkl. Trockner) - aber erst nach vorheriger Instruktion, wie man eine Waschmaschine bedient. Und vor dem ersten Benutzen des Staubsaugers muss man auch fragen! Generell sind alle Fenster mit Fliegengitter versehen und bleiben meist zu, damit die Klimaanlage ordentlich arbeiten kann. Das funktioniert recht gut, im Haus ist es meist deutlich kühler als draußen. Nachts mache ich trotzdem mein Fenster auf... bei geschlossenem Fenster schlafen ist komisch.
Mit den beiden "Gastsöhnen" versteh ich mich ganz gut und wir reden ziemlich viel über Europa und Amerika und so. Josh, der ältere von den beiden, hat Musik studiert und schreibt und produziert jetzt halt selbst Musik... für Werbung, Videospiele, Apps... und irgendwann vielleicht auch für Filme. Der jüngere, Jack, beginnt diesen Herbst sein Studium... Wirtschaft-irgendwas. Dafür muss er ins Internat, obwohl sein College hier in Boston ist, sonst bekommt er das Stipendium nicht.
Generell haben mir beide gesagt, kostet hier in Boston ein Studium (4 Jahre Bachelor) locker 100.000 €, allein Gebühren, Abgaben, Unterkunft. Und da hat man noch nicht gegessen und nicht in Harvard studiert (40.000 € / Jahr!). Allerdings bekommen auch viel, viel mehr Studenten ein Stipendium. Eigentlich ist das hier die Regel, und nicht wie in Deutschland läppische 4% (stand letzten im Spiegel).

So, genug für heute.
Bis bald,

Stefan



Montag, 15. Juli 2013

Freedom Trail - Teil 1

George-Washington-Statue mit Eishockeytrikot der Boston Bruins

"Schwanenboote" im Public Park (reine Geldverschwendung meiner Meinung nach)
Massachusetts State House
 




Old State House
 

Der Atlantik!

Samuel Adams: nach dem Revolutionär ist auch eine heimische Biersorte benannt

Ein bisschen Touri-Kram muss auch sein, also stand am Samstag ein Stadtrundgang an.
Erst mit dem Fahrrad in die Stadt, dann zu Fuß weiter durch den Public Garden mit den bekannten Schwanenbooten und den sich anschließenden Boston Common, ebenfalls ein großer Park. Da fand gerade eine Art Musikfestival statt. Auf mehreren Bühnen spielten Bands und traten Künstler auf, Tanzgruppen, Trommler, Jazz-Improvisionisten etc. Auch wenn ich nirgends lang zugehört hab, war es echt schön, mit Musik durch den Park zu laufen.
Am Rand des Parks ging dann der Freedom-Trail los, eine Art Stadtrundgang (auch wenn es kein wirklicher "Rund"gang ist), der an den wichtigsten Gebäuden und Sehenswürdigkeiten der Unabhängigkeitsgeschichte vorbeiführt. Mit dem Reiseführer von Oma Brigitte und Opa Hans war ich gut ausgerüstet.
Vom Massachusetts State House, dem Sitz der Landesregierung, mit seiner goldenen Kuppel und der leider verhüllten Spitze ging es ein Stück die Straße entlang, vorbei an Park Street Church, Granary Burying Ground, auf dem viele wichtige Revolutionäre begraben liegen, und King´s Chapel zum Old State House. Hier hielt Samuel Adams seine Rede gegen die Teesteuer, was schließlich in der Boston Tea Party und der Unabhängigkeit von Großbritannien endete. Ja, damals war die Tea Party revolutionär, heute ist sie die reaktionärste Strömung unter den ohnehin erzkonservativen Republikanern (man erinnere sich: Barack Obama ist ein Sozialist!).
Die nächste Station war das Old State House. Nachdem die Bostoner also ein paar Schiffsladungen englischen Tee in den Antlantik entleert hatten und unter George Washington die Engländer auch militärische geschlagen hatten, wurde 1776 von hier die Unabhängigkeit ausgerufen.
Danach folgte Faneuil Hall (früher eine Versammlungshalle) und Quincy Market, der bis in die 60er Jahre Boston Großmarkt war. Heute befindet sich eine Fressmeile darin, drum herum Bars und Restaurants, Boutiquen, Läden und Straßenhändler. Eine sehr lebendige Ecke.
An dem Punkt bin ich vom Freedom Trail abgebogen, ich wollte das Meer sehen. Nur 500m weiter stand ich dann am Atlantik. Schiffe, Möwenkreischen, Brise, und dieser charakteristische Geruch nach Meer. Es war kein sonderlich schöner Hafenabschnitt, aber immerhin ein bisschen.
Da es mittlerweile schon relativ spät war und außerdem die Wolken bedrohlich dunkel zusammenzogen, hab ich mich wieder auf den Heimweg gemacht. Den zweiten Teil des Trails mach ich einfach an einem anderen Wochenende...



Montag, 8. Juli 2013

4th of July

wer zuerst kommt, mahlt zuerst

strenge Sicherheitsvorkehrungen bei so einem Großereignis
und dann endlich....
 
 
 
 
das Feuerwerk!

Letzten Donnerstag war hier Nationalfeiertag: Independence Day. 
Und ich sag euch, so entspannt bin ich noch nie zur Arbeit gefahren. Keine Autos, keine Ampeln, kein Gehupe. Ruhe im Labor... alles sehr angenehm. Allerdings bin ich nicht sooo lang auf Arbeit geblieben, denn ich wollte das Feuerwerk am Abend nicht verpassen.

Mitten auf dem Charles River waren drei Plattformen verankert, von denen aus das Feuerwerk gestartet wurde. Beide Flussufer waren großräumig für den Verkehr gesperrt, die vierspurigen Straßen dafür von Menschenmassen bevölkert. Auf der Bostoner Flussseite, wo auch die offizielle Veranstaltung mit Moderation, Musik und Blabla stattfand, gab es strenge Einlasskontrollen und man musste bis 16 Uhr seine Sachen kontrollieren und genehmigen lassen. Da mir das zu zeitig und zu dumm war, bin ich auf die Cambride-Seite gegangen. Da ging es alles etwas entspannter zu, ohne Personen- und Gepäckkontrolle. Dafür war an dem Tag vermutlich jeder Verfügbare Polizist aus einem Umkreis von 100km in Boston im Einsatz. Und nicht nur normale Streifenpolizisten, sondern auch schwerbewaffnete FBI-Leute und Armee (die allerdings ohne Waffen). Nach den Marathon-Attentaten sind sie hier ziemlich wachsam. Aber es blieb alles friedlich.

Ich war ca. um sieben da, hab mein Fahrrad ein bisschen abseits des ganzen Trubels abgeschlossen, bin einmal das Ufer abgewandert und hab mir dann einen schönen Platz mit guter Sicht gesucht. Das Popcorn war leider salzig (nicht dran gedacht) und hat bei den ohnehin schon schwülen Temperaturen nur noch mehr Durst gemacht. Fehlkauf. Und Softdrinks sind hier gefühlt nochmal süßer als das deutsche Pendant, obwohl es dieselbe Marke ist. Am besten man hält sich an reines Wasser. Bier wäre toll gewesen an so einem Abend, aber ist ja leider nicht in der Öffentlichkeit. Nicht nur, dass keines verkauft wurde, die Leute hatten auch (zumindest zu 99%) keines mitgebracht. Armes Land!
In ganz Boston muss es an diesem Tag keinen Campingstuhl mehr gegeben haben, denn die standen alle an den Flussufern. Stehen geht nämlich nicht und Decken sind eigentlich auch uncool. =)
Widererwarten gab es bei der Show vor dem Feuerwerk gar nicht so viel Eigenlob und Selbstbeweihräucherung und auch deutlich weniger Fähnchen und Stars-n-Stripes-Kitsch als ich dachte. 

Zufällig hab ich dann noch einen aus dem Labor getroffen und mit ihm und einem Ehemaligen aus dem gleichen Lab dann das Feuerwerk angeschaut - leider dann von einem nicht mehr ganz so optimalen Platz: eine Laterne hat die Fotos etwas gestört. Aber das Feuerwerk war richtig, richtig  schön! Wahnsinns Effekte, Farben und Formen, laut, lang (30min!) und toll. Ein bisschen hat es mich an die Feuerwerksmeisterschaften bzw. das Feuerwerksfestival erinnert, die mal in Leipzig waren. Die Bostoner sagen, es sei das beste Feuerwerk in den gesamten USA zum 4th of July. Das würde ich sogar unterschreiben!!!

 

Montag, 1. Juli 2013

Labormaus vs. Maus im Labor

wer kennt sie nicht, die Labormaus.
http://www.scienceticker.info/2009/02/09/entspannte-maeuse-leben-laenger/
die typische Labormaus ist weiß und wird zu allerlei Versuchen eingesetzt: man erforscht mit ihnen das Gedächtnis, den Orientierungssinn, das Gleichgewicht oder die Funktion irgendwelcher Gene - die rattengroße obesity-Maus aus der Stehle-Vorlesung zum Cholesterin ist immer noch im Gedächtnis. Manche Labormäuse haben es weniger gut, z.B. wenn sie bei einem Medikamententest das Zeitliche segnen. Einige müssen auch dafür herhalten, dass man auf ihrem Rücken ein Ohr wachsen lassen kann.

Naja, und dann gibt es noch die Maus im Labor. Ja, bei der Unmenge an Computern, die mittlerweile in den Laboren stehen (jedes Gerät benötigt mindestens einen), ist das auch kein Wunder. Dieser Typus Maus ist harmlos und nützlich. 
Anders die gemeine Maus im Labor, mus musculus gemeinus. Sie bewegt sich, flink, unvermutet... knabbert allerlei Zeug an und man weiß ja nicht, was sie sonst noch so im Gepäck hat. Manchmal meint man, man hat nur eine Halluzination gehabt: ein Schatten, ein dunkler Fleck, blitzschnell und beim genauen Hinsehen schon wieder weg. Aber nein, es gibt sie wirklich, und mittlerweile beunruhigt es wohl nicht mehr nur die Neuen im Labor:

"More mice than usual have been seen lately.   Pest Control will probably come by today but if you see a mouse in the near future, call or e-mail ... Needless to say, please don't leave food around, especially over night."


"Pest Control set many mice traps.... mostly under the AC units. They'll check them every day.   If there are any issues with a trap (like an injured but not dead mouse) call UGL 2-1901."


Leider hab ich es noch nicht geschafft, ein Foto von einer Maus zu machen. Aber allein die Gewissheit, dass es hier eine Mäuseplage im Labor und in den Büroräumen gibt, ist irgendwie - unschön.

Ich pass auf mich auf. Und wenn mir eine zu nah kommt, beiß ich!

Dienstag, 25. Juni 2013

Straßenverkehr

Muster-Kreuzung in Boston: Ampel auf rot, diagonale Überquerungsmöglichkeit für Fußgänger und typischer Mittelklassewagen - der bordeauxrote, nicht der silberne!
Da mich das jeden morgen auf dem Weg zur, und jeden Abend auf dem Weg von der Arbeit betrifft, ein paar Worte zum städtischen Straßenverkehr.

Ich bin ja - vorbildlich - mit Helm unterwegs, und das ist auch gut so. Der gemeine Bostoner Autofahrer nimmt auf Radler nämlich so gut wie keine Rücksicht. Ständig muss man sich öffnenden Autotüren ausweichen, Fahrradspuren (wenn es denn welche gibt) wegen dort haltender Autos verlassen, höllisch aufpassen bei rechts-vor-links, abrupt bremsen, weil man geschnitten wird usw.
Wenn man sich an der Ampel zwischen Auto und Bordsteinkante vor zur Haltelinie zwängen kann, dann ist das schon viel. Aufpassen, wenn das Auto dann aber rechts abbiegen möchte und nicht geblinkt hat! Haltelinie, auch so eine Sache. Die gibt es. Aber der gemeine Bostoner Verkehrsteilnehmer hält eigentlich auf dem Streifen der Fußgängerampel, am besten so, dass man als Fußgänger um das Auto herum laufen muss. Das hat natürlich den Vorteil, dass man beim nächsten Grün vielleicht noch vor dem Gegenverkehr links abbiegen kann. Grün, gibt es auch. Aber keine grüne Welle. Man steht - so kommt es einem vor - an jeder Ampel, was gerade in geschäftsreichen Straßen und dem Uni- und Klinikviertel häufig vorkommt. An manchen Fußgängerampeln (siehe Bild) ist es erlaubt, die Kreuzung auch diagonal zu überqueren. Da es keine grüne Welle gibt, geht sowas; der Autoverkehr steht dann eben in alle Richtungen.

Das normale amerikansiche Auto ist groß. So groß wie möglich. Ich würde sagen, die durchschnittliche Größe entspricht den größten Geländewagen (SUVs) die man in Deutschland auf der Straße findet, also so ungefähr Audi Q7, VW Tuareg, BMW X5. Es gibt viele normale Limusinen, wenig Kombis (viel zu praktisch) und keine Kleinwagen (viel zu spritsparend und viel, viel, viel zu klein). Wer was auf sich hält fährt einen großen Geländewagen oder Pick-up - Allrad ist ein "must have" in der Großstadt! Je größer die Ladefläche, je größer der Motorraum desto besser. Ein anständiges amerikanisches Auto ragt mindestens seitlich über den Parkstreifen am Straßenrand hinaus (was es für Fahrradfahrer nicht einfacher macht) - und am besten in der Länge auch noch. Naja, wenn der Liter Benzin auch nur 80ct kostet, macht man sich auch keine Gedanken über sowas wie Hybrid, Elektroautos und Start-Stop-Automatik.

Am Anfang war ich mit dem Bus und mit der U-Bahn unterwegs. Den Deutschen mag stören, dass es an den meisten Bushaltestellen keinen Fahrplan gibt, und mitunter auch nicht die Linie dran steht, welche diese Haltestelle bedient. Aber dass ich das Bussystem absolut undurchsichtig fand, das ging mir schon in London und Paris so. Von Peking ganz zu schweigen. Google Maps ist dein bester Freund! Standort und Ziel eingeben, und es spukt die beste Bus/U-Bahn-Verbindung für deine Route aus. Das funktioniert sehr zuverlässig und man kann sich so quasi einen Fahrplan ausgeben lassen. Bus fahren ist recht günstig. Knapp 1,20 € für eine einfache Strecke (Marcos Wohnung - Labor ging direkt), gut 1,50 € mit Umsteigen, und 1,90 € wenn man dabei die U-Bahn benutzt. Auf dem Heimweg zu Marco habe ich immer den Harvard-Shuttle genommen (verbindet den Naturwissenschaften- und Klinikkomplex mit dem alten Harvard-Campus), der war kostenlos, aber man musste noch gut 15 min laufen (wozu ich früh keine Lust hatte). Sowohl Busse als auch U-Bahnen (hier "T-Lines") sind im Vergleich zu deutschen Bussen und Bahnen deutlich älter und heruntergekommener. Von außen und von Innen. Sitzpolster meist Fehlanzeige, ganz zu schweige von diesen Infotainment-TVs, die es immer mehr gibt. Und auch die S-Bahnen hinken dem 21. Jahrhundet noch hinterher... bei Beinfreiheit, Attraktivität, Komfort. Der Bostoner Pendler sieht diese Transportmittel halt wirklich nur als Transportmittel, und verzichtet da anscheinend auf möglichen Komfort. Vielleicht fehlt den Verkehrsunternehmen aber auch nur das Geld für große Investitionen. Der Bedarf wäre da.

Wenn man allen Widrigkeiten trotzt, Regenjacke und -hose immer dabei hat, und stets einen Tick schneller reagiert als Autofahrer, dann ist man aber mit dem Rad hier wirklich am besten unterwegs. Eigentlich ist alles flach, ein paar vernachlässigbare Anstiege gibt es, aber sonst rollt es gut. Von der Haustür meines neuen Wohnorts bis zum Labor bin ich - je nach Ampelphasen - 10-15 min unterwegs. Das ist mit Bahn und Bus nicht zu toppen.

Liebe Grüße und bis bald,

Stefan

Sonntag, 16. Juni 2013

die erste Woche

Abflug von Stuttgart: 04.06.2013
mit der Boeing 747 ging es dann von London nach Boston

Blick über den Charles River auf downtown Boston



Novartis, Cambridge

Harvard Medical School

mein Gebäude ist versteckt auf der rechten Seite hinter den Bäumen

79 Allston Street, Cambridge: Marcos+Vinitas Wohnung im Erdgeschoss
Hallo zusammen,

nun bin ich schon anderthalb Wochen hier und will mal etwas von mir hören lassen.

Der Hinflug mit Zwischenstop in London verlief reibungslos und auch bei der Einreise in die USA gab es, entgegen vieler warnender Mails, keine Verzögerungen. Nach 12 h Flug und Bus/U-Bahn zu Marco war ich dann sehr froh über ne kühle Dusche.

Gestern bin ich ja in mein eigentliches Zimmer gezogen - die Tage davor hab ich bei einem Schul- und Studienfreund gewohnt, der hier seit einiger Zeit am MIT promoviert. Die Gegend dort (Cambridge, eigentlich ein eigenständiger Ort, aber mit fließendem Übergang nach Boston) war sehr nett eigentlich, relativ grün und einigermaßen ruhig gelegen.

Am Tag nach meiner Ankunft bin ich ein bisschen durch Boston/Cambridge gelaufen, am MIT vorbei und am Charles River entlang, hab ein Bankkonto eröffnet, mir eine SIM-Karte besorgt (+1 225 200 7105 für Notfälle) und nach einigem Probieren auch das mobile Internet zum Laufen bekommen.


Am Donnerstag (6.6.) bin ich dann zum ersten Mal ins Labor. Mit dem Bus ging es von der Wohnung in 20min zur Harvard Medical School. Mit meinem Betreuer hab ich grob einen Ablaufplan für das Projekt besprochen, eine kurze Führung durch´s Labor (dazu ein anderes Mal genauer) und ein bisschen Lektüre zum Projekt bekommen. Außerdem standen in den ersten Tagen ein paar organisatorische Dinge wie Online Sicherheitstraining, Mitarbeiterausweis usw. an.

In der vergangenen Woche ging es dann auch schon richtig im Labor los. Mittlerweile weiß ich bei den meisten Sachen, wo sie sind oder wo ich suchen muss, finde mich immer besser zurecht und kann den meisten Gesichtern auch die richtigen Namen zuordnen. Mein direkter Betreuer ist übrigens ein deutscher Postdoc, da gibt es zumindest keine Missverständnisse bei Detailfragen =D.

Die Abende bei Marco und Vinita (Marcos Freundin) waren sehr schön, mit Bier und Eishockey oder Basketball gucken (in beiden Sportarten finden gerade die Finals statt und die Boston Bruins haben im Eishockey gute Chancen auf die Meisterschaft). Letzten Samstag haben wir gegrillt, stilecht mit Cheersburgern und dünnem Ami-Bier. Mit dabei waren auch Jörg, den wir ebenfalls vom Biochemiestudium kennen, und David, ein Schwede, der in Tübingen im selben Labor gearbeitet hat wie Marco und ich. Beide sind jetzt Postdocs: Jörg in Worchester, eine Stadt ca 1h westlich von Boston entfernt, und David beim Novartis-Ableger hier in Cambridge.

Über einen Bekannten von Marco und Vinita hab ich jetzt auch ein Fahrrad. Der ehem. Besitzer ist zurück nach Deutschland und hat sein vormals importiertes Fahrrad hier gelassen und mir für ein Schnäppchen überlassen. Mit ordentlichen Bremsen, Nabendynamo (sowas haben US-Fahrräder nicht, die haben nur so Ansteck-Licht), Bügelschloss und Helm. Helm ist hier in Boston quasi Pflicht. Einfach aufgrund des Fahrstils der Amerikaner. Und wenn ich im Dezember wiederkomme, kann ich das Rad einfach wieder verkaufen ;).

So... und alles zum Labor, zum neuen Zimmer und zu den ersten Eindrücken von den USA und den US-Amerikanern kommt später. Bis bald.

Liebe Grüße,

Stefan